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​Eigentlich wollte ich nach Kanada auswandern. Eher zufällig wurde es dann die Schweiz. Gemeinsam mit zehn Freunden kam er 1963 im Bahnhof Brugg an. In den folgenden Jahren vermittelte er 70 Männern aus dem Dorf DoÄŸancılı am Schwarzen Meer und Anadolu Hisarı, einem Vorort von Istanbul, eine Arbeitsstelle in den Aargauer Industriebetrieben. 

 

Nach gut 50 Jahren beginnt sich die Tochter, die mit 16 Jahren von zu Hause auszog, für die Geschichte(n) ihrer Eltern und deren Freund*innen und Bekannte zu interessieren: Ayse Yavas will wissen, wer sie waren, was sie erlebten, sich wünschten, wie sie sich fühlten und wie sie heute darüber denken. Die gemeinsame Spurensuche beginnt in Anadolu Hisarı und im Dorf DoÄŸancılı mit Interviews der Eltern, die nach 38 Jahren Leben und Arbeiten in Brugg und Windisch die Schweiz 1997 Richtung Türkei verliessen. Während sie den damals dreijährigen Sohn Attila mitnahmen, blieb die jüngere Tochter Lale, die das Gymnasium in Wettingen besuchte, bei ihrer älteren Schwester AyÅŸe in Zürich. Der ältere Sohn Gençosman war bereits Mitte der 1980er-Jahre nach Istanbul gezogen. 

 

Fotografien faszinieren Ayse Yavas seit ihrer Kindheit. Als Teenagerin begann sie, ein Fotoalbum in Form eines fotografischen Tagebuchs zu führen. Mit der Kamera war sie unterwegs auf der Suche nach ihrer Identität. Die Ausstellung zeigt ein erweitertes Familienalbum. Wir haben Verwandte, Freund:innen und Bekannte der Familie YavaÅŸ in Windisch, Brugg, Baden, Zürich, Anadolu Hisarı und DoÄŸancılı getroffen. Sie haben ihre Erinnerungen und Geschichten mit uns geteilt. Dieser Schatz von Erzählungen und privaten Fotografien, die sie uns anvertraut haben, zeigen Bilder von «Gastarbeiterfamilien» jenseits der normierten Fabrik- und Barackenbewohner:innen- Darstellungen. Sie geben Einblick in die bewusste Gestaltung und Inszenierung des persönlichen Lebens. Dabei geht um die universellen Themen Liebe, Heirat, Familie, Kindheit, Schule, Arbeit, Wohnen, Reisen, Freizeit, Sehnsucht, Träume und Wertvorstellungen.

 

Zum Familienalbum gehören auch die zeitgenössischen Fotoporträts von den Mitgliedern der erweiterten Familie, die Ayse Yavas während der Recherchen realisiert hat. 

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Einen ganz herzlichen Dank geht an unsere Interviewpartner:innen für Ihre Bereitschaft, am erweiterten Familienalbum mitzuwirken: Meryem YavaÅŸ, Hüseyin YavaÅŸ (1939-2019), Genç Osman YavaÅŸ, Lale Türkan YavaÅŸ, Atilla YavaÅŸ, Memduh YeÅŸiltepe, Nesrin YeÅŸiltepe, Peri La Roche, Elif La Roche, Andreas La Roche, Cahit Yurtsever, Tüba Saxer, Atyie YavaÅŸ, Nihal Kıran, Ibrahim Kıran, Hansjürg Gfeller, Markus Mäder, Malik Kolcu, Filiz Kolcu, GökÅŸin Varan, Ümmügül Varan, Murat Muharrem Varan, Özgür Yıldız, Nesteren Tural Recan, Devin Tural, Ercan Recan, Selahattin GüneÅŸ, Philipp Burger, Emre, Neda Sakancy, Imre Sakancy, Margrit Zimmermann, Güzin Merve.

«Bahnhof, gäll!» 

Hüseyin YavaÅŸ

 

Arbeitsuchende aus der Türkei durften nur dann in die Schweiz einreisen, wenn sie bereits eine Arbeitsstelle oder eine Aufenthaltsbewilligung vorweisen konnten. Anders als mit Italien (1946) und mit Spanien (1961) schloss die Schweiz – trotz Bemühungen von türkischen Diplomaten und Schweizer Unternehmern, wie dem Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler, – nie ein Anwerbeabkommen mit der Türkei ab. Zu fremd sei die Kultur und die Religion, argumentierten die Gegner:innen. 

 

Die ersten Arbeiter:innen kamen vor allem aus dem Westen und den urbanen Zentren der Türkei über Verwandte, Bekannte oder Schlepper in die Schweiz. So vermittelte auch Hüseyin YavaÅŸ 70 Männern aus dem Istanbuler Stadtteil Anadolu Hisarı und dem Dorf am Schwarzen Meer, DoÄŸancılı, Arbeitsstellen in der Giesserei der Georg Fischer AG und anderen Aargauer Industriebetrieben.
 

Von der Schweiz offiziell ungewollt, hingegen von Unternehmen gezielt angeworben, befanden sich die Arbeiter:innen aus der Türkei oft in einem rechtlichen Graubereich. Solange die Schweizer Wirtschaft auf Arbeitskräfte angewiesen war, wurden sie zu niedrigen Löhnen eingestellt und von den Behörden toleriert. Die Ölkrise in den 1970er-Jahren hatte auch in der Schweiz eine wirtschaftliche Rezession zur Folge. Viele Arbeiter:innen ohne Schweizer Pass befürchteten, ihre Arbeitsstelle zu verlieren oder gar zurückgeschickt zu werden. 

 

In der Schweizer Öffentlichkeit wurde ein negatives Bild der Einwanderer:innen aus der Türkei gezeichnet. Von «Überfremdung» und «Türkenproblem» war die Rede. Später nach der Machtübernahme der Militärs 1980 in der Türkei, als vermehrt politisch Aktive und Angehörige der kurdischen, alevitischen, armenischen und assyrischen Minderheiten in der Schweiz Asyl beantragten, wurden sie negativ als «Pseudo-Asylant:innen» dargestellt. 

1982 führte die Schweiz die Visumspflicht für türkische Staatsangehörige ein. 

 

Heute leben in der Schweiz rund 130 000 Personen mit familiären Verbindungen in der Türkei. Rund die Hälfte haben sich einbürgern lassen. 

Auch wenn inzwischen bereits die dritte Generation ihren Lebensmittelpunkt in der Schweiz hat, haben Erfahrungen von Ablehnung und Ausgeschlossensein bei Eltern, Kindern und Enkeln Spuren hinterlassen. 

 

Quellen:
Ideli, M.; Suter Reich, V.; Kieser, H.-L. (2011). Neue Menschenlandschaften. Migration Türkei-Schweiz 1961 -2011. Zürich: Chronos

Historischses Lexikon der Schweiz URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D3374.php, Zugriff 17.6.2015)

Ideli, M. (2020). Neue Medien. Impetus von Integration, Transnationalität und Diaspora. Seismo: Zürich, Genf

 

Erste Wohnungen 

 

«Die Schweizer:innen waren damals auch nicht reich. Sie vermieteten Zimmer ohne jeglichen Komfort: mit Holzofenheizung und Badezuber im Keller.» 

Nihal Kıran

 

Wer es sich leisten konnte, mietete bei einer Schweizer Familie ein Zimmer für CHF 50.00, um nicht in der Pension der Arbeitgeber wohnen zu müssen. Sie seien freundlich aufgenommen worden, erinnert sich Meryem YavaÅŸ. Die Schwierigkeiten hätten erst begonnen, als sie eine Familie gründen wollten. Da hiess es: «Für Kinder ist kein Platz». 
Doch eine eigene Wohnung zu finden, war nicht einfach. Er sei fast verzweifelt, sagt Muharrem Murat Varan – auch aufgrund der Rassismuserfahrungen, die er machen musste. «Seitens Vermieterschaft hiess es oft: “Ausländer unerwünscht“, so Varan. Einmal, erzählt er weiter, habe ihm einer gesagt: «Dann geh doch mit deiner Frau in der Bahnhofshalle übernachten.» Er vergesse nie mehr, wie froh er gewesen sei, dass es dann in den Wyden geklappt habe. «Die Wohnung habe ich aber auch nur erhalten, weil mich mein Vorarbeiter empfohlen hat.» 

 

​Fabrikarbeit

 

Georg Fischer AG
Hüseyin YavaÅŸ und seine zehn Freunde, die 1963 nach Brugg kamen, arbeiteten in der Giesserei der Georg Fischer AG. Aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch aufgrund von Klagen der Bevölkerung über die schädlichen Geruchsimmissionen, wurde 1971 die Giesserei stillgelegt und abgerissen. Den Arbeitetnehmenden wurden Stellen an anderen Standorten der Georg Fischer AG angeboten, bei der Tochterfirma Oehler in Aarau oder in den Betrieben in Schaffhausen. 1988 beschloss die Georg Fischer AG alle ihre Fabriken in Brugg zu schliessen. 

 

Isoplast AG

Meryem YavaÅŸ’ erste Arbeitsstelle (1968) in der Schweiz war bei der Verbandmaterialherstellerin Isoplast AG in Brugg. 1972 wurde das Unternehmen von der Schaffhauser Konkurrentin Internationale Verbandstoff-Fabrik IVF aufgekauft. 2002 gab die IVF Hartmann Gruppe die Produktion in Brugg auf. Die Isoplast AG als Pionierin auf dem Feld der Wundschnellverbände war mit ihrem Werbeslogan «heile, heile Säge und Isoplast zum Pfläge» während Jahrzehnten einer breiten Bevölkerung ein Begriff. 

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Brugg Kabel AG (früher Kabelwerke Brugg AG)

Langjährige Arbeitgeberin von Meryem und Hüseyin YavaÅŸ sowie weiteren Frauen und Männern aus der Türkei war die Brugg Kabel AG, die sich auf Brugger und Windischer Gemeindegebiet befindet. Das Unternehmen ist auf die Herstellung von Kabeln und Kabelsystemen spezialisiert. Eröffnet wurde sie 1896 als Filiale der Herisauer Einzelfirma, die von Gottlieb Suhner gegründet wurde. 2020 übernahm die italienische Gruppe Terna S.p.A. die Brugg Kabel AG. 

 

Chocolat Frey

In den Fabrikhallen der Chocolat Frey arbeiten mehrheitlich Frauen, auch Nihal Kıran, Meryem YavaÅŸ und Filiz Kolcu waren zu unterschiedlichen Zeiten in den 1970er- bis 2000er-Jahren bei der «Schoggi Frey» angestellt. Zu Beginn der 1960er-Jahre baute die Migros in Buchs/Aarau eine der modernsten Fabriken für Schokolade, Confiserie und Zuckerwaren, kaufte die 1887 in Aarau gegründete Chocolat Frey und produziert fortan unter dem Namen Chocolat Frey. 

 

Spinnerei Kunz

Einige Frauen aus der Türkei, so auch die Mutter von Cahit Yurtsever, fanden Arbeit in der Spinnerei Kunz, die nach 150-jährigem Bestehen im Jahre 2000 stillgelegt wurde. Gegründet 1928 vom «Spinnerkönig» Kunz, war die Textilfabrik nach dem 1. Weltkrieg bis zur Enteignung 1938 durch die Nationalsozialisten im Besitz der jüdischen Unternehmer Wolf & Söhne, Stuttgart, und ab 1941 bis 1996 Teil des Industriekomplexes Oerlikon-Bührle. 

 

ABB (BBC)

In den 1960er-Jahren warben Industrieunternehmen wie die ABB (früher BBC) technisches Fachpersonal in der Türkei an. Sie rekrutierten diese direkt in den entsprechenden Ausbildungsstätten und Schulen in Istanbul und anderen Städten. In dieser Zeit wurde auch dem Vater von Nesteren Recan Tural im Technikum in Istanbul von Schweizer Firmenvertretern eine Stelle bei der damaligen BBC angeboten. 

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Kern 

Nihal Kıran arbeitete in der Aarauer Traditionsfirma Kern, die 1819 gegründet wurde. Die Kern-Vermessungsinstrumente begleiteten die Industrialisierung der Schweiz und der ganzen Welt. Der Global Player wurde 1988 an die Konkurrenz verkauft und 1991 geschlossen. Nihal Kıran wechselte in die «Chocolat Frey». 

 

ELCO (bis 2011 Schaller Frewi AG)
Atyie YavaÅŸ  arbeitete in der Couvert-Fa
brik Schaller Frewi AG, die 1891 gegründet wurde. Hier fand auch GökÅŸin Varan in den 2000er-Jahren eine Anstellung, während er gleichzeitig versuchte, in der Schweizer Fotografie-Szene Fuss zu fassen. Seit 2011 heisst das erfolgreiche Unternehmen für Briefumschläge und Schreibwaren ELCO.

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Regelungen in Bezug auf Arbeits- und Niederlassungsbedingungen

 

1954: Die Migros gründet in Partnerschaft mit dem Istanbuler Stadtrat die Migros Türk. 1975 übernahm die Koç-Holding die Migros Türk. Seit 2011 hält die englische BC Partners die meisten Anteile am grössten Einzelhändler der Türkei. Die orangen M, MM und MMM erinnern an die schweizerisch-türkische Geschichte der Firma. 

 

1954: Türkische Staatsangehörige dürfen nur in die Schweiz einreisen, wenn sie über einen zugesicherten Arbeitsplatz verfügen.

 

1959: Migros-Gründer und LDU-Nationalrat Gottlieb Duttweiler fordert in einem Postulat, dass die Schweiz auch aus entfernteren Ländern, wie der Türkei, Arbeiter:innen rekrutiert.

 

1960: Die türkische Regierung fördert die Emigration. Im Fünfjahresplan der türkischen Militärregierung heisst es, dass «überschüssige Arbeitskraft» zu exportieren sei. 

 

1961: Der türkische Botschafter in Bern, Zeki Kuneralp, beginnt Verhandlungen mit der Eidgenössischen Fremdenpolizei und dem Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit BIGA über eine geregelte Immigration. Ein Anwerbeabkommen Schweiz – Türkei kommt aber nicht zustande. 

 

1961: Gründung der «Beratungsstelle für türkische Arbeitskräfte» bei Migros Genossenschaft Bund MGB mit Sitz am Limmatplatz in Zürich durch Karl Ketterer, der von 1957 bis 1961 die Migros Türk in Istanbul leitete. Die Beratungsstelle initiierte 1969 die erste türkischsprachige Sendung des Schweizer Radios. Nachfolgeorganisation ist der Verein Türkgücu in Winterthur. 

 

1970: Die Schweizer Männer stimmen über die Schwarzenbach-Initiative ab. Diese 
forderte, dass der Anteil an der Bevölkerung ohne Schweizer Pass maximal zehn Prozent betragen dürfe. Wäre sie angenommen worden, hätten 350'000 Arbeiter:innen die Schweiz verlassen müssen. Lanciert wurde sie von der 1961 gegründeten Nationalen Aktion. Kopf der Initiative war der Zürcher Nationalrat James Schwarzenbach.

 

1971: Das Abkommen zwischen der Schweiz und der Türkei über soziale Sicherheit wird ratifiziert.Arbeiter:innen mit einem türkischen Pass sind fortan bezüglich Sozialversicherungen den Schweizer Arbeitnehmer:innen gleichgestellt. 

 

1980: Nach dem Militärputsch flüchten politisch Oppositionelle, Angehörige von Minderheiten wie Kurd:innen, Alevit:innen; Assyrer:innen und Armenier:innen nach Westeuropa beantragten Asyl – auch in der Schweiz. 

 

1981: Das Bundesamts für Ausländerfragen BfA (heute: Staatssekretariat für Migration SEM) führt für türkische Staatsangehörige, denen die Einreise verweigert wurde, den R-Stempel für «retour, refusé, respinto» ein. 


1981: Das erste Asylgesetz der Schweiz tritt in Kraft. Gemäss der Genfer Konvention (1949) sollen Personen, die aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, Religion, Nationalität, sozialer Stellung oder politischer Anschauung verfolgt werden, Asyl erhalten.

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1982: Der Bundesrat beschliesst die Wiedereinführung der Visums-Pflicht für türkische Staatsangehörige. Bundesrat Pierre Aubert wollte sich dem innenpolitischen Druck ausländerfeindlicher Kreise nicht beugen, unterlag aber in der Abstimmung im Bundesrat. 

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1984: Die politische und wirtschaftliche Situation in der Türkei führt zu einer Zunahme Asylsuchender in der Schweiz. Auf Druck fremdenfeindlicher Tendenzen wird das Asylgesetz revidiert. So weigert sich beispielsweise der Direktor der Aargauischen Fremdenpolizei, Asylgesuche von Personen aus der Türkei entgegenzunehmen. Die Verfahren wurden verkürzt, das Recht auf Arbeit eingeschränkt und die persönlichen Befragungen bei Gesuchen, die als unbegründet eingestuft wurden, abgeschafft.

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1988-1990: Der Kanton Genf stellt den Antrag, die Türkei in die traditionellen Rekrutierungsgebiete für Arbeitnehmer:innen einzubeziehen. Die daraufhin gebildete Arbeitsgruppe aus Vertretern der Bundesverwaltung rät dem Bundesrat am 20. April 1990, den Antrag abzulehnen und schreibt in ihrer Stellungnahme: «Der hohe Ausländeranteil ist nicht zuletzt noch tragbar, weil viele Ausländer aus Sprach- und Kulturräumen stammen, die uns weniger fremd sind. Je grösser die Kulturunterschiede sind, desto schwieriger verläuft die Integration.» 

 

Ab 1990: Die Mehrheit der Zuwanderer:innen aus der Türkei kommt im Rahmen des Familiennachzugs in die Schweiz. 

 

1992: Die mehrfache Staatsbürgerschaft wird eingeführt. Seither ist die Einbürgerung möglich, ohne die türkische Staatsbürgerschaft zu verlieren. 

 

2002: Innerhalb der EU/EFTA-Staaten wird die Personenfreizügigkeit eingeführt und gleichzeitig die Einreise für Angehörige von Dritt-Staaten erschwert (2-Kreise-Modell).
Die Türkei ist ein sogenannter Dritt-Staat. Anders als Staatsangehörige aus EU/EFTA-Länder, die sich grundsätzlich drei Monate in der Schweiz aufhalten können (mit Option auf Verlängerung auf sechs Monate), um eine Arbeitsstelle zu finden, dürfen Personen mit türkischer Staatsangehörigkeit nur im Rahmen des Familiennachzugs einreisen oder wenn sie einen Arbeitsvertrag und eine Arbeitsbewilligung haben. 

 

2016: Nach dem Putschversuch in der Türkei verändert sich die politische Lage im Land. In den folgenden Jahren steigt die Zahl der Asylsuchenden in der Schweiz

 

Quellen:
Ideli, M.; Suter Reich, V.; Kieser, H.-L. (2011). Neue Menschenlandschaften. Migration Türkei-Schweiz 1961 -2011. Zürich: Chronos

Historischses Lexikon der Schweiz URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D3374.php, Zugriff 17.6.2015)

Ideli, M. (2020). Neue Medien. Impetus von Integration, Transnationalität und Diaspora. Seismo: Zürich, Genf

 

https://www.fluechtlingshilfe.ch/themen/laenderinformationen/herkunftslaender/tuerkei (Zugriff 23.09.2021)

BIGA, 20.04.1990. Die Türkei als traditionelles Rekrutierungsgebiet? dodis.ch/56689 - dodis-56689.pdf

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«Zuerst kamen nur die Männer. Nach fünf Jahren durften auch die Frauen und Familien nachkommen.»

Meryem YavaÅŸ

«Ich hatte es gut bei meiner Tante und meinem Onkel.»

Genç Osman YavaÅŸ

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​In den grossfamiliären Strukturen, in denen die meisten «Gastarbeiter:innen» aus der Türkei aufgewachsen sind, war es selbstverständlich, dass neben Eltern auch Grossmütter, Grossväter, Tanten und Onkel für die Kinder da waren. In der Schweiz fehlten sie und zahlbare Kinderbetreuung gab es nicht. Daher wurden in den 1970er- und 1980er-Jahren viele Kinder für ein Jahr oder auch mehrere zu Verwandten in die Türkei geschickt. Dazu kommt, dass Eltern allzu oft miterleben mussten, wie ihre Kinder zurückgestellt und diskriminiert wurden und sich für ihre Kinder in der Türkei bessere Bildungschancen ausrechneten.
 

Über die schmerzhaften Trennungserfahrungen zu sprechen, ist in vielen Familien bis heute ein Tabu. «Es haben es damals alle so gemacht, es gab keine andere Lösung», sagen die Eltern. Die damaligen Kinder sind heute schon längst Erwachsene. Sie wollen sich mit dieser pragmatischen Erklärung nicht zufriedengeben und thematisieren diese einschneidenden und prägenden Erlebnisse in ihrer Kindheit.

 

In den 1970er-Jahren lebten rund 10 000 Personen mit einem türkischen Pass in der Schweiz. Untersuchungen, wieviele Kinder Jahre von ihren Eltern getrennt aufgewachsen sind, fehlen. Nicht nur in den Familien wird darüber geschwiegen, sondern auch in der Schweizer Öffentlichkeit. Tausende von Kindern von Saisonniers, denen der Familiennachzug verweigert wurde, wuchsen in den 1960er- bis 1980er-Jahren in der Schweiz im Verborgenen auf. Das Hin- und Herschicken der Kinder, die Trennung von den Eltern und das immer wieder Herausgerissenwerden aus vertrauter Umgebung ist bis heute eine historische Leerstelle. Zwar sind dank Initiativen von Betroffenen die traumatischen Erfahrungen der versteckten Kinder heute ein Thema, aber die Kosten der Migration, welche die Migrant:innen und ihre Familien tragen, bleiben, wie Dorota Maiakowska-Osses* schreibt, im Verborgenen.

 

Quellen:

*Masiakowska-Osses, Dorota, Kofferkinder und «ihre» Geschichten, Studia Niemcoznawcze / Studien zur Deutschkunde, Bd. 61 (2018), S. 319-333. https://repozytorium.amu.edu.pl/handle/10593/24198​

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«Sie schickten ständig Fotos von mir. Fotos vom ersten Zahn, vom ersten Schritt, den ich allein machte …»

Nesteren Tural Recan

 

«Sie waren für mich meine Eltern.»

Genç Osman YavaÅŸ

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Getrennte Familie

 

«Mein Vater war weiterhin in der Schweiz, und ich verbrachte meine ganze Schulzeit mit meiner Mutter und meinem kleinen Bruder in Istanbul. Die Familie lebte 17 Jahre lang getrennt.»

GökÅŸin Varan


Spielen

 

«Ich habe schöne Erinnerungen an meine Kindheit. Wir sind ja in der Wohnsiedlung Reutenen aufgewachsen und waren immer, bis es dunkel wurde, draussen am Spielen.»

Cahit Yurtsever

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«Wenn man mich als Kind fragte, was ich mir wünschte, dann wählte ich immer ein Musikinstrument, Mundharmonika, Gitarre, Tamburin …»

Genç Osman Yavas


Geburtstagsfestli

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«Zu meinem Geburtstagfestli kamen immer viele Kinder. Bei uns waren alle willkommen.»

Filiz Kolcu

«Es fehlt etwas, wenn du nie vorkommst!»

Lale Türkan YavaÅŸ

 

Der Entscheid, zu migrieren, ist verbunden mit dem Wunsch nach einem besseren Leben. Realisieren lässt sich dieses Projekt oft erst in den nachfolgenden Generationen. Der Schlüssel dazu ist Bildung. Daher sind die Erwartungen der eingewanderten Eltern an ihre Kinder hoch. «Ich sollte mindestens Anwalt oder Arzt werden», sagt der Fotograf GökÅŸin Varan im Gespräch. Als die Kindergärtnerin ihn in die Sonderschule einteilen wollte, beschlossen seine Eltern, ihn in der Türkei zur Schule zu schicken. 
 

Von Diskriminierungserfahrungen in den Schweizer Schulen berichten die meisten. Vor allem sei ihnen von den Lehrpersonen zu wenig zugetraut worden und sie hätten, um die gleiche Anerkennung wie ihre Schweizer Schulkolleg*innen zu erfahren, immer mehr leisten müssen. Auch wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Kinder aus ärmeren Familien und mit Eltern, die eingewandert sind, trotz gleichen Noten häufiger in Schultypen mit niedrigen Anforderungen eingeteilt werden als Schweizer Kinder. Von den drei Lehrpersonen, die wir interviewt haben, wird diese Benachteiligung nicht bestritten, aber relativiert. Das offenbart, dass die Haltung und Fähigkeit der Lehrperson zur Selbstreflexion darüber entscheiden, ob die Schule zu einem Möglichkeitsraum wird, der Kindern und Jugendlichen neue Welten eröffnet und sie ermächtigt, Chancen zu nutzen. Dennoch stellt sich Erfolg oft nur zum Preis kultureller Anpassung ein. Die Herkunftsgesellschaft und die eigene Familie werden auf Distanz gehalten und nicht selten abgewertet. «Ich wollte so sein wie alle anderen und sicher keine Türkin», sagt Nesteren Tural Recan im Gespräch. Das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit ist ein ständiger Begleiter: «Du kommst nicht vor, deine Geschichte existiert nicht und wenn sie dann ausnahmsweise Thema ist, wird dir gleich die Rolle der Expertin zugeschrieben, die beispielsweise den Islam erklären soll», beschreibt Lale Türkan YavaÅŸ dieses «anders gemacht werden» in der Schule. 

 

«Es gab schon einige Eltern, die nicht wollten, dass ihre Kinder ins Schullager mitgehen. Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen, als unsere Nachbarn meine Eltern überreden wollten, mich ja nicht ins Schullager zu schicken.» 

Nesteren Tural Recan

 

«Weisst Du, hier auf der Schule geht das so. Ich schreib Dir mal kurz, was überhaupt so läuft den ganzen Tag. Um 6:30 Uhr wecken sie uns, …»

Brief von Ayse Yavas an Marlies Werder 

 

«Mit meinem Realschulabschluss hätte ich in der Schweiz keine Chance mehr gehabt, zu studieren. Deshalb beschloss ich in den Sommerferien, in Istanbul zu bleiben und in das Anadolu Lise zu gehen.»

Genç Osman YavaÅŸ

 

«An den ersten Kindergartentag erinnere ich mich noch sehr gut. Ich war aufgeregt und gespannt. Wir hatten einen wunderbaren Kindergärtner in den Wyden.»

Nesteren Tural Recan

 

«In der Bezirksschule waren wir insgesamt rund 120 Schüler:innen. Wir waren zu zweit Ein Mädchen und ich, deren Eltern aus der Türkei stammten.»

Ercan Recan

 

«Es ist mir immer wieder aufgefallen, wie interessiert die Eltern am Schulerfolg ihrer

Kinder waren, insbesondere diejenigen aus der Türkei.»

Philipp Burger

«Heimweh heilen …»

Göksin Varan

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«Ich glaube für meine Mutter war das ein grosser Schock. Sie kam aus der Metropole Istanbul und war es entsprechend gewohnt mit ihren Freundinnen auszugehen: ins Kino, in Tanzlokale … und plötzlich war sie in diesem Dorf, wo es nichts von all dem gab und sonntags Grabesstille herrschte», erzählt Nesteren Tural Recan. Sie erinnert sich, dass es bei ihnen zu Hause fast immer Besuch gab, gesungen und getanzt wurde und dass es ihrer Mutter manchmal fast zu viel wurde, ständig zu kochen und Gäste zu bewirten.

 

Ab Ende der 1970er-Jahre prägte der VHS-Videorekorder die Freizeitkultur entscheidend mit. «Wir wurden von den Eltern jeweils am Samstag in den türkischen Lebensmittelladen in Brugg geschickt, mit dem Auftrag, Filme auf VHS-Kassetten auszuleihen. Der Inhalt war egal, Hauptsache mit Manzara», erinnert sich AyÅŸe YavaÅŸ und erklärt: «Mit Manzara war nicht nur im wörtlichen Sinne die Aussicht gemeint, wie die Bilder von Istanbul, dem Topkapı Palast, der Sülemanyie Moschee, der Hagia Sophia, dem Bosporus und Galataturm, sondern es ging um ein Schwelgen in Heimatsehnsucht.» 


«Bei uns gab es immer Besuch oder wir waren auf Besuch.»

Nesteren Tural Recan
 

«Ich erinnere mich, wie meine Eltern abends ein paar Decken nahmen, einen Korb mit Essen füllten und wir uns draussen auf der Wiese mit anderen Familien trafen. Es wurde gegessen, getrunken und gesungen. Und ja, natürlich waren da auch die Schrebergärten …» 

Özgür Yıldız


«Für uns war damals die Badi ein wichtiger Treffpunkt!»

Margrit Zimmermann

 

«Immer, wenn wir in der Schweiz waren, wollte mein Vater viel Zeit mit uns verbringen. Deshalb haben wir viele Ausflüge gemacht: zum Rheinfall, auf die Habsburg, ins Tessin …»


«Für uns Kinder war der Freitagnachmittag im Migros-Restaurant das Highlight der Woche.»

Cahit Yurtsever

«Als Kind liebte ich die Fahrt von Melligen nach Istanbul. Wir hatten immer heisses Wasser dabei – für Tee und Suppen. Am liebsten mochte ich Tomatensuppe. Noch heute verbinde ich den Geschmack von Tomatensuppe mit Feriengefühl.»

Tüba Saxer 

 

In den fünf Wochen Sommerferien pro Jahr besuchten die Familien ihre Verwandten in der Türkei. Sie reisten mit dem Zug, dem «Balkanexpress», drei Tage im Familienabteil, nahmen den Bus oder machten sich mit einem voll bepackten Auto auf den Weg Richtung Türkei. Anfang der 1970er-Jahre tauchte ein neuer geografischer Begriff auf: die «Gastarbeiterroute». Damit wurden jene Autobahnen und Landstrassen bezeichnet, auf denen die Menschen jahrein, jahraus, meist zu Beginn der Sommermonate, zwischen ihrem Herkunfts- und dem Aufnahmeland hin und her reisten. Von Brugg führte die rund 3000 Kilometer lange Autoreise nach München, Salzburg, Graz, nach Spielfeld, dem Grenzübergang ins damalige Jugoslawien. Von den Städten Zagreb, Belgrad und NiÅŸ ging es dann über Bulgarien in die Türkei. 

 

Die Strassen waren vielerorts schlecht ausgebaut und die Autos entsprachen nicht den heutigen Sicherheitsvorschriften. Dazu kam, dass grosse Teile der Route hinter dem Eisernen Vorhang lagen und dass auf gewissen Strecken, wie derjenigen durch Bulgarien, nur der Transit erlaubt war. Das und begrenzte finanzielle Mittel führten dazu, dass Non-Stop gefahren werden musste. In den 1970er- und 1980er-Jahren galt die «Gastarbeiterroute» deshalb auch als eine der gefährlichsten Strassen. Verkehrsunfälle mit tödlichem Ausgang gab es unzählige. 

 

Trotz Strapazen und Gefahren, die Reise gehörte ganz einfach dazu und war Teil des Lebens: Sie war zu einem transnationalen Raum, einem lebensnotwendigen Verbindungsglied in die Heimat hier und dort geworden. Mit den Reisenden zirkulierten auch Informationen, Geld, Souvenirs und Geschenke aller Art. Auch Peri La Roche, die Tochter von Ayse Yavas,  verbindet mit der Route lebhafte Kindheitserinnerungen. Als sie sich in den Ferien bei den Grosseltern in DoÄŸancılı darüber wunderte, dass ihre Tante und ihr Onkel aus Zürich plötzlich auch da waren, erzählte ihr der Onkel, dass sie durch einen Geheimgang gekommen seien, der von der Hundehütte im Garten der Grosseltern in Istanbul direkt nach Zürich führe. Als 5-Jährige fand sie diese wundersame Erklärung anfangs durchaus nachvollziehbar. Erst später zweifelte sie am Wahrheitsgehalt der Geschichte, schaute deshalb in der Hundehütte nach und fand keinen Geheimgang, der direkt nach Zürich führte.

 

So unterschiedlich die Erinnerungen von Ayse Yavas, Tüba Saxer, Margrit Zimmermann und Filiz Kolcu an diese Reisen sind, eines haben sie gemeinsam: Die Erlebnisse waren prägend.


Mit der Zeit haben sich die Bedürfnisse und vor allem auch die finanziellen Möglichkeiten der Menschen verändert. Deshalb bedeuten Ferien inzwischen für viele mehr als nur Verwandte besuchen. Reisen mit befreundeten italienischen Familien nach Rimini oder Cesenatico sind heute genauso selbstverständlich wie erholsamer Urlaub in anderen Regionen der Türkei oder in anderen Ländern und Städten der Welt.

«Sie waren attraktiver, gepflegter und eleganter als unsere Schweizer Männer!»

Margrit Zimmermann

 

Im Sommer 1963, am ersten Abend in Brugg, ist Hüseyin YavaÅŸ nicht bei seinen zehn Mitreisenden im Wohnheim der Georg Fischer AG geblieben. «Ich bin spazieren gegangen und habe vor der Kirche eine Schweizerin kennengelernt.» Mit ihr, so sagte er, in unserem Gespräch im Mai 2017 in Anadolu Hisarı, habe das Leben begonnen. 

 

Die Ankunft der jungen Männer aus der Türkei blieb in der Schweizer Kleinstadt nicht unbemerkt. Die «Badi», so erinnert sich Margrit Zimmermann, war der Treffpunkt der Jungen und der Ort, wo sie sich gegenseitig anschauten und erste Blicke austauschten. Liebschaften entstanden.

 

Eine Schweizerin geheiratet hat dann aber nur Hamdi Ulukurt, einer der zehn Männer, die gemeinsam mit Hüseyin YavaÅŸ aus Istanbul nach Brugg kamen. Was in den 1960er-Jahren noch eine Ausnahme war, ist 2021 üblich: Laut Bundesamt für Statistik sind in der Schweiz zurzeit ein Drittel der neu geschlossenen Ehen binational und zählt man die Ehen dazu, die zwischen den Einwohner:innen ohne Schweizer Pass geschlossen werden, machen sie rund die Hälfte aus. 

 

«Wir lebten 17 Jahre lang getrennt. Ich blieb in der Schweiz und meine Frau lebte mit unseren Söhnen in Istanbul!» 

Muharrem Murat Varan

 

«Ich werde nie einen Türken heiraten!»

Nesteren Tural Recan


«Ich war 17 Jahre alt, als ich in Sirkeci, Istanbul, in den Zug stieg und zu meinem Ehemann in die Schweiz fuhr. Unsere Ehe war in der Schweiz nicht gültig. Ich hatte Angst, ausgewiesen zu werden. Wir heirateten in Brugg ein zweites Mal.»

Meryem YavaÅŸ

 

«Wir haben geheiratet und dann sind wir eine Woche später in die Schweiz gereist!»

Nihal Kıran

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«Hamdis Familie aus Istanbul konnte nicht an die Hochzeit kommen. Sein Freund Memduh war da, quasi als Familienersatz.»

Margrit Zimmermann

 

«Wir hatten eine gute Zeit in Unterbözberg!»

Atiye YavaÅŸ

«Ich sagte meinem Freund Sabit, er soll mich mit dem Ruderboot über den Fluss bringen, denn ich wollte bei meiner Abreise niemandem mehr begegnen. Sie hätten mich nicht gelassen!»

Hüseyin YavaÅŸ

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Der letztendliche Entscheid wegzugehen, die Familie, Freund:innen, das gewohnte Leben in einer vertrauten Umgebung zu verlassen, bedeutet für die Aufbrechenden Befreiung und Schmerz zugleich. So schreibt der Philosoph Vilém Flusser: «Die Heimat ist zwar kein ewiger Wert, sondern eine Funktion einer spezifischen Technik, aber wer sie verliert, der leidet. Er ist nämlich mit vielen Fasern an seine Heimat gebunden, und die meisten dieser Fasern sind geheim, jenseits seines wachen Bewusstseins. Wenn die Fasern zerreissen oder zerrissen werden, dann erlebt er dies als einen schmerzhaften chirurgischen Eingriff in sein Intimstes.»

 

Als Heimatsuchende erzählen auch unsere Gesprächspartner:innen von ihren Erfahrungen, die von Schmerz und Befreiung gleichermassen geprägt sind. Davon, wie sie mit ihrem Schicksal umgegangen sind und Entscheidungen gefällt haben. Auch wenn sich ihre Migrationsbiografien ähneln, unterscheiden sich nicht nur ihre individuellen Geschichten, sondern auch ihr Handeln. So beschliesst beispielsweise die Familie YeÅŸiltepe, den Schweizer Pass zu beantragen. Auslöser für diesen Entscheid ist ihre Tochter. Sie will sich einbürgern lassen, damit sie endlich wie ihre Klassenkamerad:innen ohne grosse Hindernisse, Ausflüge ins benachbarte Deutschland, Frankreich oder Italien machen kann. In anderen Familien ist das Thema «Wir kehren zurück in die Türkei» stetiger Begleiter. Gespart wird für Land, Häuser, Wohnungen in der Türkei. Doch so schwarz-weiss ist es nicht. Denn dazwischen haben immer wieder auch persönliche Wünsche nach einem angenehmeren und unabhängigeren Leben Platz: «Ich sagte Hüseyin, alle haben die Fahrprüfung gemacht, ich will auch Autofahren lernen. Meine Arme sind schon viel zu lang von den schweren Einkaufstaschen.» Meryem YavaÅŸ lernt vor ihrem Ehemann das Autofahren.

Ein besseres Leben für die Kinder ist der Wunsch der ersten Elterngeneration, doch unterschiedliche Verständnisse vom guten Leben führen zu Konflikten und Brüchen. Zum Beispiel dann, wenn der Vater zu seiner Tochter sagt, die von zu Hause ausziehen will: «Wenn du gehst, dann gehst du allein!»

Quelle: Flusser, Vilém, Von der Freiheit des Migranten. Einsprüche gegen den Nationalsozialismus. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2013, 17

 

«Wenn du gehst, gehst du allein.»

Hüseyin YavaÅŸ

 

«Ich habe immer gearbeitet. Als Kind musste ich meinem Vater im Laden aushelfen und in der Schweiz war ich als Fabrikangestellte tätig. Zurück in der Türkei gab es auch viel zu tun, aber die Arbeit war anders, weniger langweilig, weil jeder Tag sich vom vorherigen unterschied. Wir haben ein Restaurant und ein Hotel eröffnet. Immer waren wir dran, ich habe Briefe und Anträge an die Istanbuler Verwaltung geschrieben. Wir hatten viele Ideen und wir haben sie realisiert.»

Meryem YavaÅŸ

 

«Wir waren in den Ferien und wohnten bei den Grosseltern. Eines Morgens beschloss mein Vater, sein eigenes Haus zu bauen. Als wir aufstanden, sahen wir ihn bereits die Baugrube ausnehmen.»

Ayse Yavas 

 

 «Mein Vater hatte einen himmelblauen Käfer. Er war einer der ersten, der sich ein Auto leistete.»

Tüba Saxer

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