Auf der Suche nach den verlorenen Bildern
Ayse Yavas
Ausgangspunkt für meine intensive Auseinandersetzung mit der Albumfotografie, die schliesslich auch zu diesem Pro-
jekt und dieser Ausstellung geführt hat, war ein prägendes Erlebnis in meiner Jugend. Als junges Mädchen konnte ich
mir nicht vorstellen, einen der vorgezeichneten Wege zu geh-
en, die meine Eltern für mich vorgesehen hatten. So kam
es zwischen uns immer mehr zu Meinungsverschiedenheiten und am Ende zu einer frühen, lang andauernden Trennung. Beim Verlassen meines Elternhauses ereignete sich folgende Geschichte:
Meine Eltern bewahrten unsere Fotoalben in ihrem Schlaf-
zimmer auf. Ich hatte mich heimlich in das mit Fensterläden oft verdunkelte Zimmer geschlichen und wollte mir zur Erinne-
rung an meine Familie ein paar Fotografien aus den Alben heraustrennen. Dabei wurde ich von meinem Vater erwischt. Er nahm mir die Bilder aus der Hand und mit unserer gros-
sen Haushaltsschere schnitt er mich aus jedem Foto weg, warf mir meine abgetrennten Köpfe zu und sagte: «Wenn du jetzt gehst, gehst du allein!»
Dieses Erlebnis hat in mir das Interesse für die Album-
fotografie und insbesondere für die Fotografie selbst geweckt. Als Folge dieser Trennung war ich für einen langen Zeit-
raum von den Bildern und Geschichten meiner Familie ab-
geschnitten. Das für mich wichtige gemeinsame Betrachten der Fotos und die Gespräche darüber brachen ab. Und so begann ich in meiner Not schon bald ein eigenes Album zu gestalten.
Es fing eine lange fotografische Suche nach all den ver-
loren gegangenen Angehörigen und deren Gesichter und Geschichten an, die bis heute anhält.
Immer wieder beauftragte ich meinen Bruder, mir heim-
lich möglichst viele Fotos aus den Alben meiner Eltern zu bringen, um wenigstens einen kleinen Teil meiner Familie zu-
rückzugewinnen. Einige Fotos konnte ich reproduzieren,
und mein Bruder klebte die Originale dann unbemerkt wieder an ihre alte Stelle. Andere behielt ich, und so bildeten sich
in unseren Familienalben über die Jahre seltsame Leerstellen -
Spuren, unserer schwierigen Geschichte. Ohne Absicht,
hatte ich mit der Entnahme der Bilder meine eigene Familiengeschichte erzählt.
Rückblickend erscheint mir mein Bestreben als ein
Versuch, mir mit dem Album einen Ersatz für meine Familie
zu schaffen.
Das Suchen und Zusammenfügen der Fotos meiner
Familienangehörigen war mir eine Hilfe, Erlebtes zu begreifen und zu reflektieren. Da meine Beschäftigung jedoch ausschliesslich auf fotografischem Material beruhte und mir die mündlichen Überlieferungen und Erzählungen dazu fehl-
ten, stiess ich zusehends an Grenzen. Ich konnte mich nur traumartig und assoziativ durch diese Bilder bewegen.
So begann ich nach Erklärungen für das Verhalten meiner Eltern zu suchen, wollte mehr über ihre Pläne und Wünsche erfahren, um ihr Handeln und die damalige Zeit besser zu ver-
stehen. Wer waren sie ausserhalb des Elternseins?
In dieser Situation lernte ich Gaby Fierz, die Kuratorin und Ethnologin kennen, die gerade an ihrem Projekt YOLDA KIOSK arbeitete und dafür Gesprächspartner:innen suchte, die sowohl in der Schweiz wie in der Türkei leben und arbeiten oder gelebt und gearbeitet haben. Ich erzählte ihr von meinem Wunsch mehr über meine Familie und ihre Geschichte zu erfahren und gewann ihr Interesse. Ich war begeistert jemandem zu begegnen, der sich für mein Herkunftsland interessierte und sich schon verschiedentlich in anderen Projekten damit befasst hatte. Zusammen entwickelten wir die Idee, anhand von Interviews und Fotografien den Geschichten mei-
ner Eltern und ihren Bekannten, die durch meinen Vater
in den 60er Jahren aus Istanbul und einem Dorf am Schwarzen Meer als «Gastarbeiter» in die Schweiz gekommen waren, nachzugehen.
Durch das gemeinsame Herangehen erreichte mein Blick auf meine Familie und ihre Bilder eine neue Dimension und gewann an Tiefe und Schärfe. Mir wurde klar, wieviel ein Album oder eine einzelne Fotografie erzählen können. Die Alben wurden für mich zu Orten des Erinnerns, aber auch des Nicht-
Erinnerns. Das Gezeigte verwies immer auch auf das Nicht- Gezeigte. Immer war da in den Fotografien das Zusammenspiel zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen - ein Wesenszug, der auch in meiner Portraitfotografie eine wichtige Rolle spielt. Und so konnte es sein, dass ich bei langer Betrachtung der Bilder, nicht mehr wusste, ob das Abgebildete «wirklich» so war oder nicht ganz anders.
Ich begann die mir zur Verfügung stehenden Fotografien akribisch genau zu studieren, die Blicke der Menschen,
ihre Körperhaltung und ihre Kleider. Kleinste Details konnten zu neuen Erkenntnissen führen. So zum Beispiel bei den fol-
genden Fotografien:
In unserem Album gibt es ein Bild, das mich mit meinem Vater und meinem Bruder auf einem Schiffsdeck zeigt. Niemand konnte oder wollte mir sagen, wann diese Reise statt-
gefunden hatte. Ein weiteres Bild zeigt mich in der Primarschulzeit am Schwarzen Meer, von dem ich das Entstehungsdatum kannte. Ich bemerkte nun plötzlich, dass ich auf beiden Bildern dieselben Schuhe trage und konnte so unsere Schiffsreise als die Reise einordnen, auf der unser Vater
uns in die Türkei zu unseren Verwandten gebracht hatte.
Eine weitere Beobachtung betrifft die Tatsache, dass sich meine Eltern wohl nie mit ihrer Rolle als «Fabrikarbeiter:in-
nen» identifizieren konnten. In unseren Alben gibt es nur vier Fotografien, die meine Eltern an ihrem Arbeitsplatz zeigen, obschon sie dort 30 Jahre gearbeitet hatten. Umgekehrt ist die Zeit nach ihrer Rückkehr in die Türkei und ihre Arbeit
als Unternehmer:innen in den Bildern sehr gut dokumentiert.
Die mehrjährige Recherchearbeit mit Gaby Fierz er-
weiterte meinen Blick aber auch über meine Familie hinaus. Die Lebensgeschichten, die wir in Form von Interviews und
den Erzählungen zu den jeweiligen Fotoalben zusammentrugen, zeigten mir schnell viele Gemeinsamkeiten mit den Erleb-
nissen anderer Familien. Mir wurde klar, wie wenig ich bis anhin
über die Geschichte meiner Eltern, über ihre Migrationser-
fahrungen und die ersten Jahre in der Schweiz wusste und ich begann, sie mit anderen Augen wahrzunehmen. Als eigene Persönlichkeiten, mit ihren eigenen Plänen, Wünschen und Hoff-
nungen, die viele Parallelen zu anderen Migranten:innen aufwiesen.
So liess sich nun beispielsweise die vorhin erzählte Geschichte über meine Schuhe in einen grösseren Zusammenhang setzen: Viele der interviewten Paare mussten in den 60er und 70er Jahren, wegen fehlender Betreuungsmöglichkeiten,
ihre Kinder zurück in die Türkei zu Verwandten schicken. Die-
ser Umstand hatte nicht nur meine Eltern zu ihrem Han-
deln bewogen, sondern betraf auch viele andere Familien.
Es zeigten sich aber auch weniger ernsthafte Gemeinsamkeiten:
In den Alben finden sich zum Beispiel auffallend viele Bilder aus den 60er Jahren, auf denen sich die «Gastarbeiter:-
innen» vor Blumenrabatten ablichten liessen, wohl um den Daheimgebliebenen zu zeigen, dass man es geschafft hatte und nun an einem paradiesischen Ort angekommen war.
Aus unserer Sammlung an Geschichten und Bildern, die ihren Anfang in den frühen 60er Jahren hatte, und die heute
drei Generationen von Frauen, Kindern und Männern umfasst, entwickelten wir schliesslich diese Ausstellung.
Die langjährige Arbeit an diesem Projekt hat mir und allen Beteiligten zu einer neuen Perspektive auf unsere (Familien) Geschichten verholfen. Insbesondere bin ich sehr glücklich da-
rüber, dass wir noch viele kostbare Erzählungen der ersten Auswanderer- Generation aufzeichnen konnten.
Meine anfangs isolierten Geschichten und Bilder begannen sich aus meinen Alben herauszulösen und verwoben
sich mit den Geschichten und Bildern der anderen Familien zu einem grossen Teppich, der an Grösse und Dichte ständig zunahm und weiter zunimmt.
Auch mein eigenes Familienalbum hat sich zu einer viel-
schichtigen Chronik entwickelt, die ich, mit neuem Wissen
und neuen Erzählungen bestückt, der nächsten Generation weitergeben kann.
Ich hoffe, dass durch diese Ausstellung auch andere Menschen dazu angeregt werden, ihre Geschichte mit neuen Augen zu sehen.

Selbst erzählen, nicht erzählt werden
Gaby Fierz
Welche Geschichten werden in Ausstellungen und Museen er-
zählt? Wie werden sie erzählt und wer erzählt sie? Wem
gehören die Geschichten? Wer hat unter welchen Bedingungen die Legitimation, über sie zu verfügen? 1
Der Stoff «Migrationsgeschichten» ist bei Kulturschaffenden in den letzten Jahren auf grosses Interesse gestossen. Das zeigt sich beispielsweise in der zunehmenden Zahl von Theater- und Ausstellungsproduktionen, die sich thematisch mit Migration beschäftigen. Doch was heisst es, wenn die Frage: «Wer spricht?» nicht nur rhetorisch gestellt, sondern ernst genommen wird und den Prozess der Entstehung
einer Ausstellung begleitet?
Unsere Ausstellung «Und dann fing das Leben an» zeigt private Fotografien und erzählt Geschichten, persönliche Erfahrungen. Sie ist ein Versuch, mit diesen Fragen bewusst umzugehen.
Kennengelernt habe ich Ayse Yavas im Frühling 2014.
Für meine Recherche über transnationale Identitäten Schweiz – Türkei im Rahmen des «YOLDA KIOSK-Projekts» 2 suchte ich Gesprächspartner:innen. Der Filmemacher und Schriftsteller Yusuf Yeşilöz riet mir, mit Ayse Yavas Kontakt aufzunehmen.
An diesen Nachmittag in der Rio Bar in Zürich erinnere ich mich noch sehr gut. Wir waren zu dritt. Ihr Bruder, Genç Osman Yavaş, der seit vielen Jahren in Istanbul lebt, war für ein paar Tage zu Besuch in Zürich und kam auch dazu.
Die beiden erzählten von ihrer Kindheit, ihrer Jugend, von Ent-
behrungen, dem Schmerz, nicht wahrgenommen, nicht verstanden, nicht unterstützt worden zu sein. Sie sprachen aber auch von unbeschwerten, leichten Momenten und
wie sie unbeirrt ihren Weg gegangen sind. Er wurde Musiker und Kinderbuchautor, sie Fotografin. Der Abend brach an,
die Bar füllte sich langsam – ich war in ihre Geschichtenwelt eingetaucht, die mich berührte, betroffen machte, mich
aber auch über die Offenheit und das mir entgegengebrachte Vertrauen staunen liess. Wir hatten uns doch eben erst kennengelernt.
Ein Jahr später rief mich Ayse Yavas an und fragte,
ob ich mit ihr die Geschichte(n) ihrer Eltern, ihrer Familie, Ver-
wandten und Bekannten, die in den 1960er- und 1970er-
Jahren aus der Türkei in die Schweiz migrierten, aufarbeiten möchte. Für meine Antwort brauchte ich keine Bedenkzeit. Ich fühlte mich geehrt und freute mich sehr. Es war das erste Mal, dass ich von jemandem, der selbst erfahren hat und erfährt, was Migration bedeutet, angefragt wurde und nicht ich die Idee und Initiative zu einem solchen Projekt hatte.
Ich war neugierig auf den Prozess des Co-Kuratierens und gespannt, wie sich unsere Positionen, Betroffenheiten und Perspektiven gegenseitig befruchten und ergänzen, mög-
licherweise aber auch widersprechen würden.
Migration (aus der Türkei) – eine Leerstelle in
Erinnerungsinstitutionen
Ayse Yavas und mich verbindet das gemeinsame Interesse, weisse Flecken und Leerstellen punkto Migration – und
spezifisch auch Migration aus der Türkei – in der Schweizer Er-
innerungslandschaft zu beleuchten. Sie aus persönlicher Betroffenheit und vom Standpunkt einer «Expertin des Alltags» in Sachen Migration aus, ich aus der Sicht einer komplizen-
haft verbundenen Schweizer Ethnologin und Kuratorin. Komplizenhaft verstehe ich im Sinne des postmigrantischen Dis-
kurses: Ich anerkenne und bin mir bewusst, dass ich nicht über Migrationserfahrung verfüge und mich daher umso mehr
um eine respektvolle und sorgfältige Zusammenarbeit bemühe, um dem gemeinsamen Anliegen, Migration in der Schweizer Erinnerungskultur sichtbar zu machen, Nachdruck zu verleihen. Denn der Stand der Dinge ist, dass trotz zahlreicher Ini-
tiativen seit Ende der 1990er-Jahre, Migration in Erinnerungs-
institutionen zu verankern, das Thema in Schweizer Museen nach wie vor kaum präsent ist. Zwar wird es, wie der Historiker und Kulturwissenschaftler Thomas Sieber in seinem Über-
blicksartikel «Migration exponieren» schreibt, in Sonderausstellungen aufgenommen, ist aber in Dauerausstellungen
und Sammlungen kaum vertreten. Diese Nicht-Repräsentation hänge eng mit dem Selbstverständnis von Museen als nationale, regionale oder lokale Erinnerungsinstitutionen zu-
sammen. In diesem Selbstverständnis werde Migration als
ein per definitionem grenzüberschreitendes und konfliktbehaftetes Phänomen tendenziell ausgeschlossen (Sieber, 2017).
Die so innerhalb von nationalen, regionalen und lokalen Grenzen gewachsenen Erinnerungskulturen halten sich bis heute hartnäckig. Dies, obwohl 2022 mindestens die Hälfte der Bevölkerung in der Schweiz Familienmitglieder hat, die aus-
serhalb der helvetischen Grenze leben. Diese Diskrepanz ist störend. Und sie motiviert mich seit vielen Jahren, diese Leerstellen und weissen Flecken in der Schweizer Erinnerungs-
kultur aufzudecken. Bereits meine ersten Ausstellungen «Feste im Licht. Religiöse Vielfalt in einer Stadt.» (2004 / 2005), «Urban Islam» (2006), «Alphorn, Chai und Plastikbuddha.
Was ist Heimat?» (2007) im Museum der Kulturen Basel zeigten, wie Migration die gesellschaftliche und kulturelle Entwick-
lung der Schweiz vorantreibt. Im Projekt «Zürcher!nnen machen» (2017) 3 stellte ich die Frage nach Zugehörigkeit. Ab wann gehört jemand dazu, ist Teil der Gemeinschaft, Teil der Erinne-
rungskultur? Diese Spurensuche erfordert Recherchen, die aus oben dargelegten Gründen über staatliche, städtische Ar-
chive und Museumssammlungen hinausgehen, die den Le-
bensraum hier und dort miteinbeziehen und Verbindungen zu Erinnerungen und Erzählungen der Menschen herstellen.
Denn nur so gelingt ein Perspektivenwechsel, wie ich gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Bilgin Ayata und ihren Studierenden der Soziologie an der Universität Basel in der Aus-
stellung «Çok Basel!» 4 zeigen konnte. Indem wir die Erinnerungskultur Basel mit Fokus auf Migration untersuchten, machten wir Leerstellen und weisse Flecken in der Erinnerungs-
landschaft Basels sichtbar (Fierz, 2021).
Private Fotografien zeigen, aber wie?
Zu Beginn unserer Recherche und auf der Suche nach Spuren der Migration aus der Türkei in die Schweiz konsultierten
wir auch Fotoarchive, bspw. das Archiv von Keystone oder das Archiv des Migros Genossenschaftsbundes, wurden aber kaum fündig. Wir realisierten, dass wir diese Art der anonymen stereotypen Fotografie «Der Gastarbeiter aus der Türkei» nicht zeigen wollten.
Uns interessierte vielmehr die subjektive Erfahrungswelt der Einwanderer:innen aus der Türkei, wie sie sich in privaten Fotografien in Familienalben zeigt.
Das Album von Ayse Yavas wurde zum Ausgangspunkt und zur Leitidee unserer Recherche.
Auch das Interesse für Fotografie verbindet uns, doch der Bezug und die Positionen zu Fotografie sind verschieden.
Ayse Yavas ist Fotografin und führt seit ihren Teenager-Jahren ein persönliches Fotoalbum-Tagebuch. In einem eigens
für diese Ausstellung konzipierten «Album-Albüm» gibt sie Ein-
blick in diese langjährige assoziativ-künstlerische Praxis.
Mein Interesse als Ethnologin und Kuratorin an der Foto-
grafie ist eher ein inhaltliches und formales. Mich interes-
sieren private Fotografien aus Familienalben als Erinnerungsträger, als festgehaltene Augenblicke, die bei den Betrachter:innen Geschichten von früher wieder auferstehen lassen. In den Interviews mit unseren dreissig Gesprächspartner:in-
nen verwendeten wir die privaten Fotografien aus den Alben
als Speicher von Erinnerungen im Sinne der Photo Elicitation-
Methode (Bignante, 2010). Fotografien sind aber auch Speicher von Informationen: Kleider, Arrangements, Settings geben
mir eine Idee, in welcher Zeit die Fotografie entstanden ist, aber auch Auskunft über den sozialen Status der Porträtierten. Aus der Art und Weise der Inszenierungen lassen sich Wünsche und Wertvorstellungen sowohl der Fotograf:innen wie auch der Personen auf den Bildern ablesen.
Diese zwei unterschiedlichen Positionen – eine eher assoziativ-künstlerische und eine eher analytisch-dokumentarische – standen sich im Prozess der Ausstellungskonzeption und zu-
gespitzt bei der Auswahl der Fotografien für die einzelnen thematischen Stationen der Ausstellung gegenüber. Sie führten zu intensiven Diskussionen und Auseinandersetzungen. Kei-
ne von uns beiden gab sich mit halbherzigen Kompromissen zufrieden. Doch anstatt einzig auf der eigenen Position zu beharren, liessen sich beide auf die jeweils anderen Positionen ein. Wir lernten dazu, ohne die eigene Haltung aufzugeben.
Doch nicht nur unsere fachlichen Positionen und Zugänge sind verschieden. Wir sind vor allem auch unterschiedlich betroffen. Unter anderem zeigte sich dies in Ayse Yavas' vor-
sichtiger und sensibler Umgangsweise mit privaten Foto-
grafien. Persönlich eng verbunden mit den Fotografien aus den Familienalben, warf Ayse Yavas immer wieder wichtige, ethische Fragen auf. Wie darf ich mit einer privaten Fotografie umgehen? Wie kann ich sie zeigen? Was darf ich zeigen?
Sie öffnete mir den Blick über den professionellen ethischen Kodex, die ethischen Richtlinien für Museen von ICOM (2004), hinaus und sensibilisierte mich dafür, dass Fotografien, in denen ich selbst nichts Problematisches erkennen kann, für die Betroffenen mit einer schmerzhaften Geschichte ver-
bunden sein können: beispielsweise die Fotografie, auf der sie mit ihrem Bruder Genç Osman auf den Schultern ihres
Vaters Hüseyin Yavas auf dem Deck der Fähre Richtung Türkei zu sehen ist. Ihr Vater brachte sie damals für ein Jahr zu Verwandten in die Türkei (vgl. S. 10).